Heisse Diskussion um Vergabe neuer GTINs bei Artikeländerungen nach der LMIV 1169/2011 sind entbrannt!

Die im Dezember in Kraft tretende LMIV birgt einige Herausforderungen:
Die Beschaffung und Pflege der deklarationspflichtigen Informationen ist eine davon. Die Vorgehensweise bei Änderungen dieser Informationen eine weitere. Diesem, zur Zeit heiß diskutierten Thema der GTIN-Vergabe bei Änderungen, möchte ich hier ein paar Zeilen widmen.

Das Problem kurz skizziert

Die eindeutige Identifikation eines Artikels erfolgt über seine GTIN. Die Informationen zum Artikel sind auf dem Produktetikett aufgedruckt. Im Laden nimmt der Kunde den Artikel in die Hand und studiert das Etikett. Ändern sich Informationen, wird das Etikett angepasst. Der Kunde kann beide Artikel im Laden in die Hand nehmen und die Änderungen vergleichen – auch bei identischer GTIN. Soweit noch kein Problem.

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Die LMIV bezieht sich allerdings auch explizit auf den Fernabsatz. Artikel 14 erläutert: „[…]Verpflichtende Informationen über Lebensmittel […] müssen vor dem Abschluss des Kaufvertrags verfügbar sein […]“.
Und hier beginnt das Problem: Die eindeutige Identifikation des Artikels erfolgt über seine GTIN. Ändern sich also Informationen des Artikels (beispielsweise werden Zutaten verändert), muss ein neuer Artikel mit neuer GTIN angelegt werden, um beide Artikel (mit alter und neuer Zutatenliste) unterscheiden zu können.
Ansonsten würden sich ja die Informationen des Artikels mit der bisherigen GTIN ändern. Was kein Problem im Laden ist, funktioniert aber nicht für den Onlineshop: Hier benötigt ein unterscheidbarer Artikel eine eigene GTIN.

Dies zieht natürlich einen Rattenschwanz von Auswirkungen hinter sich her:
Ein Artikel mit neuer GTIN benötigt eine neue Verpackungshierarchie, neue Artikelvarianten müssen in den Stammdatensystemen angelegt, bestellt, gelagert und ausgeliefert werden. Eine Übersicht gibt das „Positionspapier zur Identifikation von Produkten mit unterschiedlicher Deklaration im Fernabsatz im Kontext der LMIV “ der GS1 Germany. Es ist zu finden auf der Webseite: http://www.gs1-germany.de/lebensmitteltransparenz/ . Hier wird auch der Ausblick auf eine mögliche zukünftige Lösung GTIN+X gegeben, also die GTIN mit zusätzlicher Identifikation (+X).

Die Inflation zu vergebender, neuer GTINs aufgrund von Änderungen und der damit verbundene Aufwand, sowie die prozessualen Auswirkungen machen klar, warum heiß diskutiert wird, wann eine Änderung Relevanz für die Vergabe einer neuen GTIN hat und wann nicht.

Die zwei Standpunkte in dieser Diskussion

a) Minimale Änderungen des Lebensmittels, beispielsweise der Nährwertangaben erfordern keine neue GTIN, da Lebensmittel aufgrund natürlicher Schwankungen und Veränderungen bei der Herstellung und Lagerung nicht immer exakt den angegebenen Nährwert enthalten können.
Gestützt werden kann dieser Standpunkt durch einen Leitfaden der EU: „LEITFADEN FÜR ZUSTÄNDIGE BEHÖRDEN – KONTROLLE DER EINHALTUNG DER EU-RECHTSVORSCHRIFTEN […] in Bezug auf die Festlegung von Toleranzen für auf dem Etikett angegebene Nährwerte“ (Quelle: http://ec.europa.eu/food/food/labellingnutrition/supplements/documents/guidance_tolerances_1212_de.pdf). Dieser Leitfaden, der sich auf die EU-Verordnung 1169/2011 und verschiedene Richtlinien bezieht, beinhaltet und erläutert Toleranzen bei der Ermittlung der Nährwerte. Damit wird auch das auslegbare „minimal“ in ein definiertes Zahlengerüst übersetzt. Der Leitfaden beinhaltet allerdings direkt auf der ersten Seite eine beachtenswerte Einschränkung: „WICHTIGE ERKLÄRUNG Dieses Papier besitzt keinen formalen rechtlichen Status. In Streitfällen obliegt die Auslegung des Rechts letztlich dem Gerichtshof der Europäischen Union“.

Und genau diese Einschränkung führt uns zum alternativen Standpunkt der Diskussion:

b) Ändert sich etwas in den deklarationspflichtigen Angaben, muss der Artikel im Sinne der LMIV neu gekennzeichnet werden – eine neue GTIN erhalten. (Quelle: http://www.gs1-germany.de/fileadmin/gs1/best_practices/GS1_LMIV_Kompaktes_Wissen.pdf). Dieser Ansatz vermeidet mögliche Konflikte und Angriffspunkte um Toleranzen bzw. die Auslegung des Begriffs „minimaler Änderung“ indem er sich auf die Beschreibungsebene bezieht.
Als Beispiel: Ändert sich der Nährwert „Zucker 8,5 g“ auf „Zucker 8 g“ ist das zwar innerhalb der Toleranz der Nährwertangabe, da aber der Text der deklarationspflichtigen Angabe sich verändert, wird ein neuer Artikel mit einer neuen GTIN angelegt.

Spannend wird, was sich als Vorgehensweise aus dieser Diskussion herausbildet. Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, wie Behörden, Verbraucherschützer oder Rechtsanwälte im Namen der Wettbewerber dieses Thema behandeln. Während für Behörden möglicherweise Standpunkt a) akzeptabel ist, der Leitfaden zu Toleranzen, könnte so etwas vermuten lassen, mag die Vorgehensweise von Standpunkt b) die sichere Variante gegen kostenintensive Abmahnungen sein.
Wir werden das verfolgen.

Ein weiteres interessantes Thema der LMIV: „Ausnahmen“, wie z.B. in Anhang V, Punkt 19: „Lebensmittel, einschließlich handwerklich hergestellter Lebensmittel, die direkt in kleinen Mengen von Erzeugnissen durch den Hersteller an den Endverbraucher oder an lokale Einzelhandelsgeschäfte abgegeben werden, die die Erzeugnisse unmittelbar an den Endverbraucher abgeben.“

Auch hier ist das Spielfeld für individuelle Interpretationen eröffnet!